BIRGIT JENSEN

Christian Krausch

Zur Ausstellung von Birgit Jensen in der Galerie am Werk, Leverkusen 2004


Bildende Kunst erschließt sich in der Regel und zu großen Teilen über die Wahrnehmung durch die Augen. Grund genug an dieser Stelle die vielleicht ein wenig schulmeisterhaft anmutende Frage „Was ist auf dem Bild zu sehen?“ an den Anfang meiner kurzen Rede zu stellen. Schon Paul Brandt hat von 1910 bis 1925 in seinem nach wie vor gültigen Standartwerk „Sehen und Erkennen“ auf die vergleichende Kunstbetrachtung hingewiesen, um dem Leser damals wie heute das Thema der Kunst über die genaue Beobachtung nahe zu bringen. Ist doch erst an das Erkennen das Verstehen gekoppelt, aus dem heraus sich dann letztlich die eigentliche Aussage der Kunstwerke ableiten lässt. Insbesondere die Arbeiten von Birgit Jensen sind in diesem Sinne Plattformen für das Spiel mit der Wahrnehmung, da sie auf vielfältige, hintergründige und nicht zuletzt handwerklich perfekte Art dazu animieren, das Sichtbare und vielleicht auch das Unsichtbare zu überprüfen. So soll an dieser Stelle die Frage erlaubt sein, die da lautet, was also sehen wir auf den Bildern von Birgit Jensen?


Der erste Moment mag irritieren, da die großformatigen Leinwände aus lockeren Zusammenfügungen oder dichten Ballungen einzelner Farbpunkte zu bestehen scheinen. Diese überziehen die monochromen Flächen nach nicht zwingend nachvollziehbaren Systemen. Rastlos erforschen die suchenden Augen im Grün, Blau, Rot oder seinen Nuancen nach vertrauten Motiven, Fixpunkte vielleicht, von denen aus sich die Arbeiten erschließen ließen. Und in der Tat entwickeln sich allmählich aus den losen Lichtpunkten verschiedene Konstrukte, die entfernt an Ansichten nächtlich erleuchteter Städte, zumindest vereinzelter Häuser denken lassen. Seltsam eigentlich, dass die Augen dieser Illusion so gerne folgen mögen, denn viele Faktoren, nicht zuletzt die Wahl der für diese Zwecke recht ungewöhnlichen Farben, widersprechen jeder Form einer sachlich, naturalistischen oder realistischen Darstellung. Das, was wir sehen, ist und bleibt im Grunde eine Addition von Farbpunkten. Doch das, was wir sehen wollen, erinnert an die Lichter verschiedener Architekturen bei Nacht. Jensen spielt hier mit der Wahrnehmung des Betrachters, der das unmittelbar Sichtbare mit dem Fundus seiner Erinnerungen vergleicht und zuzuordnen versucht.


Soweit die Erfahrung aus der Ferne betrachtet. Doch auch der mutige Schritt näher an die Bilder trägt nicht zu einer eindeutigen Klärung unserer Neugier bei. Eher gegenteilig lösen sich die vermeintlichen Motive mehr denn je in Wohlgefallen auf. Allein die Technik stellt sich ein wenig klarer dar. Es sind, bei genauer Betrachtung, tatsächlich zwei (oder mehr) Farbschichten, aufgetragen im Siebdruckverfahren auf die Leinwand. Kleinste Unebenheiten des Bildträgers, sprich die ureigene Struktur des Gewebes, führen zu minimalen Abweichungen oder Fehlstellen, an denen die untere Farbschicht zufällig unbedeckt bleibt. Der Prozess des Erkennens unterliegt dadurch einem neuen Akzent. Der Betrachter begibt sich auf eine Wanderung zwischen zwei Polen, der technischen Komponente und der malerischen, die ihn kontinuierlich in Bewegung hält. Thorsten Scheer spricht in diesem Zusammenhang von „unterschiedlichen und nicht widerspruchslos ineinander überführbaren Rezeptionsmodi“ (1) als Folge zweier verschiedener Lesarten. Folge davon ist, dass letztlich auch der Faktor Zeit zum Bestandteil der Bildaussage wird.


Doch damit nicht genug: Die eingangs erwähnten Lichtpunkte geben sich als digitale Aufrasterungen zu erkennen, als sehr große Aufrasterungen verschiedener fotografischer Vorlagen, das ist wohl wahr. So groß, wie selten erlebt und dadurch als kleine rechteckige und quadratische Flächen deutlich zu erkennen. Wenn man es durchdenkt, wurden hier Bilder durch die Auflösung in grobe Raster beinah bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, um dadurch unsere Fantasie sowie unsere Blicke zu fördern. Jensen spürt dem bekannten Phänomen nach, das uns ermöglicht, in der Abstraktion Figürliches zu sehen, so wie schon Leonardo in der Oberfläche von Mauerwerken Reiterschlachten erkannt hat.


Das aber allein ist es nicht, das Jensens Arbeiten auszeichnet. Ihre Arbeiten verdeutlichen darüber hinaus den Themenkomplex der Räumlichkeit und Dimension. Denn in dem Moment, an dem sich in unserer Vorstellung die Addition der Punkte zu einer Architektur aus Lichtern wandelt, verlieren die Bilder ihre Zweidimensionalität und saugen uns geradezu in die kaum überschaubare Weite des Raumes. Birgit Jensen hat dieses Erlebnis bereits in früheren Arbeiten ausgelotet. Beispiele dazu, etwa aus dem LA-Zyklus, finden sich im oberen Raum der Galerie. Ihre aktuellen und hier vorgestellten Bilder weichen aber in einem wesentlichen Aspekt von ihren früheren Überlegungen ab. Denn zwischen den einfachen Aufrasterungen findet sich in verschiedenen Bildern deutlich lesbar das bekannte Logo der Bayerwerke wieder, jenes Schriftkreuz, das weithin sichtbar den Industriekomplex überragt. Es ist in den Bildern, wie auch in der Realität, eigentlich das einzige Element, das im unüberschaubaren Arrangement der zahllosen Architekturen eine eindeutige Sprache spricht. Es ist lesbar, Symbol und Landmarke in Einem.


Seit 2002 hat Birgit Jensen digital bearbeitete Fotografien von den nächtlich erleuchteten Industrieanlagen als Siebdruck auf Leinwand übertragen. Anlass dazu gab eine Autobahnfahrt bei Nacht entlang der Kulisse der Bayerwerke, deren Dimensionen insbesondere im Schein unzähliger Lichtquellen kaum zu bestimmen sind. Folge davon ist, dass Themen wie Räumlichkeit und Größe, wie auch der tatsächliche Standpunkt des Betrachters in Frage gestellt wird. Erst das gewaltige Logo der Bayer-Werke, das sich als eindeutiges Zeichen aus der Masse der Lichtpunkte abhebt, erlaubt eine erneute Verortung, indem es den Prozess des Erkennens unterstreicht.


Was also sehen wir auf den Bildern von Birgit Jensen? Ihre hier vorgestellten Arbeiten folgen mit den Mitteln der Malerei diesem Phänomen, das ein Erkennen vom Kennen her ableitet. Es ist jene Gratwanderung, die den Betrachter auf der Grenze zwischen Beobachtung und Folgerung in Atem hält, der Jensens übergreifendes Interesse gilt. Dabei ist die Künstlerin nicht an einer didaktischen Arbeit interessiert. Wie in ihren früheren Arbeiten nutzt Birgit Jensen vielmehr den Anlass, um Themen der Malerei, wie Komposition, Räumlichkeit und Atmosphäre mit den Möglichkeiten von Farbe und Leinwand auszuloten. Wenngleich auch auf eine äußerst ungewohnte Art.


(1) Thorsten Scheer, Broschüre „Birgit Jensen“ der Overbeck-Gesellschaft Lübeck, 2002