BIRGIT JENSEN

Beate Ermacora


Wege zu dot-communities


english translation


Mit der speziell für die Mülheimer Ausstellung konzipierten Installation dot-communities schlägt Birgit Jensen ein neues Kapitel des Themas Stadtlandschaft auf, an dem sie seit Ende der 1990er Jahre arbeitet und das bislang verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen hat.
Wenn wir an den Begriff Stadt denken, so haben wir längst schon keine überschau-baren Städte mit einem klar definierten Zentrum und markanten, hoch aufragenden Kirchtürmen mehr vor Augen. Auch ist es nicht mehr die europäische Metropole der 1920er Jahre, die Künstler und Literaten ins Schwärmen brachte. Vielmehr sind jene Städte, die sich, meist medial vermittelt, in unser Bildgedächtnis eingebrannt haben, die zeitgenössischen Megametropolen mit ihren dschungelartig wuchernden Struktu-ren und ihren multiplen Zentren. Weltweit scheinen sie sich zu gleichen in ihrem or-ganisch-chaotischen Wachstum, aber auch in ihren gemeinsamen Signifikanten, den Hochhäusern, Mobilfunkmasten und den überall vorhandenen globalen Labels der Werbung. Vor diesem Hintergrund ist der Begriff Urbanität zusehends zwiespältiger geworden, verkehrt sich die Faszination an der Großstadt mit ihren sich nur dort bie-tenden Möglichkeiten mitunter ins Unbehagliche, ja Bedrohliche. Die heutige Stadt hat sich in jeder Hinsicht meilenweit entfernt von der Idee idealer Stadtentwürfe der Renaissance oder den utopischen Planungen der Moderne. Beschwor Friedrich Schiller 1795 in seiner Elegie Der Spaziergang noch die in der Stadt herrschende Vernunft, so sind die Großstädte nicht nur zu einem unüberschaubaren Terrain ge-worden, sondern zu einem Lebensraum, der vielfach Erfahrungen einer kaum zu be-wältigenden Existenz birgt.
Grundsätzliche Fragen nach sozialen Befindlichkeiten, Bedürftigkeiten und Möglich-keiten ebenso wie jene nach kommunikativen Qualitäten in zivilisatorischen Ballungs-räumen sind im letzten Dezennium vermehrt in den Fokus vieler Künstlerinnen und Künstler gerückt. Auch Birgit Jensen nimmt in ihren Bildern gleichsam Untersuchun-gen vor, um die Struktur und das Wesen von Städten zu erkunden. Dabei bezieht sie jedoch einen distanzierten Standpunkt. Gerne wird im Zusammenhang mit Jensens Arbeiten auf die aufstrebenden Großstädte der Moderne verwiesen, die zum Mythos, ja zum Symbol eines neuen Lebensgefühls geworden waren und die von zahlreichen Künstlern in Filmen, Fotografien und Malereien festgehalten wurden. Während diese von der Lust erzählen, mitten drin zu stehen im Getriebe und man sich an Walter Benjamins Beschreibung des Flaneurs erinnert, dessen Blick von der urbanen Dy-namik geprägt ist, der Nebensächliches und Zufälliges beobachtet und Bilder des Alltags einfängt, ist der Betrachter bei Birgit Jensen kein unmittelbar Beteiligter. Denn erstens wird ihm eine hoch oben angesiedelte Betrachterperspektive zugewiesen, die ihn überall und nirgends sein lässt, und zweitens tauchen in den Bildern keine Menschen auf. Vielmehr bündeln ihre Arbeiten Fragestellungen, die sich gleicherma-ßen rund um die Wahrnehmung von Bildern wie um das Erleben zeitgenössischer Urbanität auftun.
Jensens Stadtlandschaften bilden in ihrem Oeuvre einen eigenen Werkkomplex, ha-ben sich aber aus vielen Strängen, die schon in anderen Arbeiten angelegt waren entwickelt. Birgit Jensen ist zwar Malerin, betrachtet und betreibt das Metier des Ma-lens aber von einem konzeptuellen Standpunkt aus. Viele ihrer Bildkonzepte gleichen Analysen, bei denen sie etwa Farben und Begriffe miteinander konfrontiert oder mit Tabellen und Diagrammen, Bildzeichen und Zeichensystemen experimentiert. Meist geht sie von einfachsten geometrischen und grafischen Elementen wie Punkten oder senkrechten und waagrechten Linien aus, die sie derart miteinander verschränkt, dass sie ornamentale Muster bilden. Auch der absichtsvolle Trick mit optischen Ver-größerungen ist Teil ihrer künstlerischen Strategie. Wie abstrakt auch immer die Ar-beiten anmuten mögen, stets ankern sie in der Realität anderer, bevorzugt außer-künstlerischer Kontexte, und sind in einem vielschichtigen Prozess entstanden. Fotos werden digitalisiert, bearbeitet, miteinander zur Deckung gebracht und mittels Sieb-druck auf die Leinwand gesetzt. Gerade die Verwendung der Reproduktionstechnik erlaubt es Jensen, gezielt über Malerei und die Eigenschaften von Formen und Far-ben nachzudenken. Dass das Bildraster auch an die Bildauflösung digitaler Fotogra-fien und Computerbilder erinnert ist nicht zufällig. Denn ihre Arbeiten loten nicht nur visuelle Reize und Effekte wie Nähe und Ferne, Raum und Fläche, Abstraktion und Gegenständlichkeit aus, sondern thematisieren vor allem unsere neuen Bildmedien, durch deren Optik wir die Wirklichkeit lesen und interpretieren.
In der den Stadtlandschaften vorausgegangenen Serie der Moiré-Bilder mit ihren abstrakten Mustern, die an die Op-Art erinnern, wird offensichtlich, wie Jensen mit an- und abschwellenden Farbräumen und den Momenten von hell und dunkel agiert. Diese Erfahrungen nimmt sie mit in ihre Überlegungen zur Darstellbarkeit zeitgenös-sischer Stadträume, an denen sie vor allem deren Image und deren Klischees inte-ressieren. Obwohl sie zunächst noch von bestimmten Städten wie Los Angeles aus-geht, ist klar, dass es ihr dabei nicht um exakte Architekturwiedergabe zu tun ist. Es scheint mehr um das Festhalten eines Gefühls, einer atmosphärischen Stimmung zu gehen, vergleichbar den New Yorker Bildern eines Piet Mondrian. In seinem Spät-werk bediente er sich einer architektonischen Metaphorik, bei der sich konkrete Farb- und Formgefüge mit Eindrücken von Hochhäusern, Straßenrastern und der hekti-schen Rhythmik Manhattans überlagern. Steht man in Nahsicht vor Jensens groß-formatigen Bildern, so sieht man auch bei ihr in Anlehnung an die geometrischen Formen von Architektur ausschließlich Rechtecke in verschiedenen Größen, die in zufällig erscheinenden Formationen auf dunklem Grund angeordnet sind. Erst aus größerem Abstand entschlüsselt sich das Bild und man wird gewahr, dass die pixel-artigen Punkte, Raster und Cluster in einer sinnvollen Beziehung zueinander stehen und Straßenzüge, Brücken oder Gebäude formen. Als würden sie aus der Fläche kippen nehmen sie plastische, dreidimensionale Gestalt an und beschreiben den un-endlichen Raum einer Megastadt, die sich über die Bildränder hinweg fortsetzt und deren Horizont erst in tiefer Ferne zu erahnen ist.
Im weiteren Verlauf ihrer Arbeit hat sich Birgit Jensen immer weiter davon entfernt, wieder erkennbare Stadtpanoramen zu schaffen, sondern gleich mehrere Fotos ver-schiedener Städte stehen einem einzigen Bild Pate. Diese Überlagerungstechnik lässt fiktive, expandierende Strukturmuster entstehen. Manch markantes Bilddetail findet sich sogar in mehreren Bildern wieder. Spiegelverkehrt oder in anderem Farb-ton stellt es unser Erinnerungsvermögen auf die Probe und erzählt zugleich von ur-baner Uniformität. Hat man bei der Ansicht von Los Angeles noch die Assoziation an ein flimmerndes Lichtermeer einer von oben gesehenen Stadt bei Nacht, so fällt in den neueren Werken die Nachtassoziation gänzlich weg. Helle Malgründe sind mit schwarzen, ziegelroten oder pastellfarbigen Strukturmustern überzogen, die un-scharf, verschwommen, ja geisterhaft aus dem Fonds auftauchen und vor diesem zu schweben scheinen. Zwar hat Jensen auch hier wieder Fotos von nächtlich erleuch-teten Städten zugrunde gelegt, sich jedoch eines simplen farblichen Umkehrverfahrens bedient. Denn das, was wir auf den Bildern sehen ist Licht, das aus Fenstern strahlt, von fahrenden Autos stammt, auf Leuchtreklamen oder riesige digitale Wer-beflächen verweist. Nicht tektonische Schwere, sondern die Dynamik des Lichtes erzählt vom energetischen Potenzial großstädtischen Lebens. Um das Bildgesche-hen weiter zu dynamisieren und der Vorstellung pulsierender, nie zur Ruhe kommender Orte gerecht zu werden, wiederholen, überlagern oder verdoppeln sich motivische Details. Dabei ergeben sich Unschärfen und schnelle Drehbewegungen, die neue, ungewohnte Raumperspektiven schaffen und einzelne Bildsegmente miteinander vernetzen.
In letzter Zeit ist die Künstlerin auch dazu übergegangen, sozusagen in den Dschungel an Zeichen und Informationen, wie sie eine Stadt bietet, näher hineinzuzoomen. Das Ergebnis sind Gemälde, in denen uns Schriftzüge, die an blinkende Leuchtre-klamen erinnern, laut entgegen schreien und ganz so wie in den Metropolen miteinander um Aufmerksamkeit buhlen. Textfetzen und sich überlagernde Piktogramme lösen neue Assoziationsketten aus.
Das für das Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr entstandene Objekt dot-communities, das der Ausstellung den Namen gibt und Dreh- und Angelpunkt der Ausstellungsinszenierung ist, erscheint wie ein stark vergrößertes und zum Körper gewordenes Fragment eines der Bilder. Beim Entwurf der raumfüllenden 4,55 x 9,60 Meter großen Installation ist die Künstlerin von der Idee gigantischer Werbeflächen im öffentlichen Raum ausgegangen. Als malerisches Bilddetail hätte man das Motiv vermutlich mit der Lupe suchen müssen. Isoliert und als Objekt im Raum verblüfft es durch seine physische Präsenz. Das von Jensen stets gerne herausgeforderte Spiel mit Dimensionen, Seherlebnissen und Raumerfahrungen findet hier eine neue ex-emplarische Ausformulierung. dot-communities ist eine gleichwohl radikale wie komplexe Arbeit, bei der erstmals in Jensens Oeuvre die Digitaldrucktechnik zum Einsatz kommt. Das riesige Billboard zeigt ein wogendes Meer aus voluminösen roten, blau-en und grünen Punkten, das eine unregelmäßig geformte weiße Leerfläche in der Mitte umfließt. Weiß blitzt auch an jenen Stellen auf, an denen sich die Farben der Punkte bei ihren Überschneidungen aufheben. Im Gegensatz zu den Stadtlandschaf-ten, denen Jensen trotz eines mitunter hohen Abstraktionsgrades ihre gegenständliche Lesbarkeit belässt, muss sich der Betrachter bei dot-communities der Arbeit an-ders nähern. Nimmt man den Titel humorvoll wortwörtlich, so beschreibt er das, was wir sehen, nämlich eine Gemeinschaft von Punkten. Die Künstlerin rechnet jedoch mit einem wissenden Betrachter. Und zwar mit einem, dem es Spaß macht, sich von der beim schnellen Hinsehen einstellenden Vorstellung bunter Kugeln hin zur Farbenlehre leiten zu lassen, um von dort zu Überlegungen zu gelangen, wie etwa Druck- und Bildschirmfarben beschaffen sind und digitale Bildverarbeitung funktioniert. Der Titel verweist vor allem aber auf die"Dotcoms", jene nur im elektronischen Raum existierenden Internetunternehmen, die in vielen Bereichen des alltäglichen Handelns und sich Bewegens gesellschaftliche Veränderungen nach sich gezogen haben. Aus der Abkürzung "com", die eigentlich für "commercial" steht, macht Jensen das im Kontext ihres Untersuchungsgegenstandes Stadt sinnfällige Wort ‚communities‘.
Birgit Jensens Stadtbegriff bringt alle möglichen Theorien und Diskurse rund um das Thema und den Mythos Stadt miteinander ins Gespräch. Ausgehend von einer aktuellen Bestandsaufnahme bezieht sie auf subtile Weise die Realität des allgegenwär-tigen Internets mit ein und versucht mit sinnlichen, haptischen Mitteln einen virtuellen Raum zu fassen und zu beschreiben. Abgesehen von den reizvollen Effekten, die die Arbeit mit dem Thema Licht auf der Leinwand evoziert, geht es dabei um die Darstel-lung von etwas Ephemeren, das nur für bestimmte Zeit anwesend ist, um beim Verschwinden einer anderen Realität Platz zu machen. Der urbane Lebensraum wie Jensen ihn interpretiert ist stets einer, in dem sich Sub- und Parallelgesellschaften bilden, die da und dort für kurze Zeit auftauchen, sich wieder auflösen und anderswo neu formieren. Durch Motivüberlagerungen und Farbschichtungen gelingt es der Künstlerin so etwas wie Wirklichkeiten hinter der Wirklichkeit darzustellen und unsere Wahrnehmung auf Entdeckungsreisen zu schicken. So verbirgt sich hinter der De-tailgenauigkeit der malerischen Fläche auf dem großen Billboard dot-communities beispielsweise eine Aussage, die der Werbebotschaft einer realen Reklametafel zuwiderläuft. Das Foto wiederum, das der Arbeit zugrunde liegt, zeigt eine Leuchtreklame auf einem Hausdach. Deren Inhalt hat sich in der reinen strahlendweißen Fläche des Kunstwerks verflüchtigt. In diesem Sinne stehen die Punkte zugleich für grafische Rasterpunkte wie auch für inhaltliche Knotenpunkte, an welchen verschiedene Bedeutungsebenen aufeinander treffen.

 

Andreas F. Beitin:

Irdische Milchstrassen oder Stratigrafien der dritten und vierten Dimension

Zu den Stadtlandschaften Birgit Jensens