BIRGIT JENSEN

Melton Prior Edition I
Bremerhaven – New York
Alexander Roob / Clemens Krümmel
In Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Bremerhaven
2008

Birgit Jensen: Abschied, 2008
Siebdruck mit drei Farben (Schwarz als vierte Farbe),
300g Alt Meissen Zerkall-Bütten auf dem Rindsieb geschöpft


Als Malerin hat sich die in Düsseldorf lebende und arbeitende Birgit Jensen (*1957) über viele Jahre hinweg intensiv mit der Gattung des Landschaftsbildes und den medialen Konfrontationen auseinandergesetzt, die sich auf diese Bildform mit der Entstehung von Fotografie und drucktechnischer Vervielfältigung ausgewirkt haben. In den vergangenen Jahren sind im Rahmen dieses konzeptuellen Ansatzes vor allem Stadtlandschaften entstanden, bei denen sie meist durch Überlagerung mehrerer ursprünglich fotografischer Stadtmotive zu artifiziellen Bildkonstrukten gelangt, deren Abstraktionsstufe und aus den Erkenntnissen der Op Art erwachsene visuelle Komplexität sich der Konzentration auf die Bildpunkte des Druckrasters verdankt. In verschieden konzipierten und dimensionierten Serien hat sich das Stadtthema als ein äußerst anspruchsvoller und reizvoller Gegenstand erwiesen, bei dem sich in subtilen Farbschichtungen ein stufenloser Übergang zwischen Abbildhaftigkeit und Abstraktion, zwischen dem Bildpunkt als singulärem Ereignis und der in Überlagerungen von Rastern geschaffenen, nicht mehr mit einem Blick erfassbaren Ereignisvielfalt und zwischen den unterschiedlichen Funktionen des Bildpunkts vom malerischen Abstraktionselement zum „Link“ in die Welt der massenhaft reproduzierten, auch digitalen Bilder zu entfalten mag. Jensens neuere Arbeiten bedienen sich der ganzen Bandbreite heutzutage auch mit Hilfe der Mittel des Digitaldrucks verfügbarer Dimensionen, so daß sich neben den eher klassischen Malereiformaten auch raumgreifende Bildinstallationen in der Größenordnung riesenhafter Billboards verwirklichen lassen.


Für diese Edition hat auch Birgit Jensen sich am Motiv des Columbuskais orientiert, das sie bei ihrem Rechercheaufenthalt in Bremerhaven im Verlauf eines Besuchs fotografisch aus einem historischen Film des Auswandererhauses gewonnen hat. Der Anblick der Abschiedsszene vor einer Überfahrt erinnerte sie an ein eigenes Kindheitserlebnis, das ihr in seiner Undeutlichkeit eine methodische Spur zu einer Erforschung des „Nebulösen“ von Bild und Erinnerung legte. Aus einer abstrahierenden Sicht fallen einem die verschwimmenden Bildelemente hier vor allem in ihrer dem Originalbild zugeordneten Farbigkeit auf, wodurch auch einer desorientierenden Betrachtungsweise Raum geschaffen wird, die dem emotionalen Gehalt des Trennungsschmerzes und der Dramatik gegenüber eine Distanzierung erlaubt, so dass sich die Aufmerksamkeit etwa der Bildkomposition aus der zufälligen Anordnung von unterschiedlich agierenden und nicht agierenden Figuren richten kann. Das Verschwimmen der Bildschichten erweist sich als höchst geeignetes, drucktechnisch faszinierendes Mittel, durch das sich die Vorherrschaft des emotionalen über den intellektuellen Zugang zu der dargestellten Situation erweist.


Clemens Krümmel